Release:
GOD IS A COMPUTER -- MCR 130.2/130.1

 

Interview deutsch:

RAVELINE 02/04

Telemen:
Nachts bin ich besonders tief!

Danyell Künzel ist ein Multitalent mit vielen Leidenschaften. Eine davon ist die Musik: Der ausgebildete Sänger beteiligte sich an Jazz und Funk-Kombos, rockte in Metall- und Punk-Bands und entdeckte schließlich die Welt der elektronischen Musik. Gemeinsam mit Sven und Lars Brede, sowie Metapunk vereint er als Telemen ambitionierten Pop mit zeitgemäßer Clubcouture. Das bei MultiColor erscheinende Debüt-Album mit dem vielsagenden Titel “God Is A Computer“ ist durch und durch tanzbar und bietet doch auch Futter für den Geist. In ihren Texten streifen Telemen abstrakte Themen der modernen Philosophie und Physik. Unsere Neugier war geweckt, und wir fanden in Telemen-Mastermind Danyell einen interessanten Gesprächspartner. Der Berliner ist nicht nur Vollblut-Musiker, er ist auch Geschäftsmann, nimmt als Stockcar-Fahrer an rasanten Rennen teil undundund... Am Anfang waren viele Träume. „Ich hatte während meiner Jugend drei Dinge, die mir sehr wichtig waren und die ich ernsthaft weiterverfolgen wollte: die Schauspielerei, der Motorsport und die Musik. Übrig geblieben ist lediglich der dritte große Traum, Musiker zu werden, den ich mir von niemandem ausreden ließ“, erinnert sich Danyell. „Ich habe mir schon von klein auf viel zugetraut. Doch mir sind im Laufe der Jahre viele Menschen begegnet, die mir meine, in ihren Augen, flausenartigen Ideen und Pläne wieder auszureden versuchten. Viele bringen selbst nie den Mut auf, ihre Träume zu realisieren oder scheitern in den Ansätzen und versuchen es dann nicht weiter. Dabei geht es darum, dass man an sich glaubt und sein Ziel mit Beharrlichkeit und Ehrgeiz verfolgt, denn Fleiß und die Liebe zur Sache sind ganz entscheidende Parameter für Erfolg. Mit 18 habe ich bemerkt, dass Musik meine größte Leidenschaft ist und mich mein ganzes Leben begeistern und fesseln wird.“ Bereits in frühester Kindheit durfte er im Haus seiner musikliebhabenden Eltern verschiedenste Stilarten entdecken. „Meine Eltern waren friedensbewegte Hippies und wir hatten oft das ganze Haus voll von Musikern aus aller Welt, die bei uns im Wohnzimmer Jam-Sessions abzogen. Wir hatten Bongos, es wurde viel gesungen, und ich habe früh gelernt Zupfgitarre zu spielen ? Musik lag bei uns einfach in der Luft.“ Heute sind wir alle Telemänner!

Doch Danyell ist auch ein Kind seiner Zeit. In den 80ern hat er vornehmlich in Funk-Blues-Jam- und Metall-Crossover-Bands gespielt. Ende der 80er konnte er jedoch einfach keine Solo-Gitarre mehr hören. Der pure Techno-Sound war wie eine Erlösung. Anfang der 90er war Techno mehr als nur ein Musiktrend, sondern ein ganz bestimmtes Lebensgefühl. Ost und West feierten in den vielen entstehenden Clubs, U-Bahn-Schächten und leerstehenden Häusern Berlins ihre ganz persönliche Wiedervereinigung und auch Danyell feierte mit. Von 96 ? 2000 hatte er einen Majordeal bei der Wea. Seine Vision: poppige, elektronische Musik mit deutschen Texten. „’Du bist der Grund für meinen Kuss auf deinen Mund ? küssen ist gesund!’ - das war einer meiner Songs aus dieser Zeit: nett, leicht, aber auch haarscharf am Schlager-Pop vorbei. Die Vorstellungen gingen auseinander, es erschien keine einzige Platte, ich kündigte den Vertrag. Wer ich bin und was ich will, das musste ich erst einmal für mich rausfinden,“ erzählt Danyell. „Ich experimentierte wieder mit härteren Sounds und traf kurze Zeit später die ’elektronischen Zwillinge’ Lars (Stashrider) und Sven Brede (Toxic Twin) ? zwei hervorragende Produzenten, die sich in ihrer Art zu arbeiten gut mit der meinen ergänzen. Gemeinsam mit den Zwillingen und Metapunk, mein wohlgeschätzter Textpartner, mit dem ich auch bei allen anderen Produktionen arbeite, bilden wir nun das Techno-Pop-Projekt Telemen. Mit Telemen haben wir einen guten Namen gefunden, mit dem jeder etwas anfangen kann. Heute sind wir doch im Grunde alle Telemänner, wir sind durch das Fernsehen, Rumzappen, Schnelllebigkeit und Halbwertszeit der Medien sehr bestimmt.“

Telemen steht für energetische Clubmusik in Form von Songs. „Und selbst nach 15 Jahren instrumentaler Techno-Musik mögen die Leute noch immer gute Songs“, stellt Danyell fest. Es ist eine Nische entstanden für ambitionierte elektronische Musik mit Popappeal und gutgemachten Texten und genau in dieser bewegen sich Telemen, die den Spagat zwischen den alten Hörgewohnheiten und einem neuen, modernen Sound wagen. „Uns reicht es nicht, die Leute nur zum Tanzen zu bringen, wir wollen sie auch emotional-geistig fordern. Unsere Musik sollte kein Aufguss von irgendetwas sein, sondern etwas Eigenständiges, und wir haben uns ganz systematisch am Reißbrett überlegt, was wir machen wollen. Oft saßen wir nach unseren gemeinsamen nächtlichen Streifzügen noch beim Chill-Out zusammen und haben mit unseren Einfällen jongliert. Unsere gemeinsame Arbeit ist wohl gerade deswegen so effektiv, weil jeder in unserem Band-Gefüge seine festen Aufgaben hat und wir uns nicht in die Quere kommen, sondern uns perfekt ergänzen.“

Metapunk und Danyell kennen sich noch aus früheren Bandzeiten, gemeinsam gelingt es ihnen immer wieder, aus Gedanken Texte entstehen zu lassen. „Die Texterei macht sehr viel Mühe und nimmt mindestens die Hälfte der Arbeitszeit an einem Album wie diesem in Anspruch. Nachts sind wir besonders tief, haben die besseren Einfälle und wir sitzen oft mit einem Wust an Zetteln und Notizen zusammen. Stellt euch vor: da stehen zwei, drei Weinflaschen und zwei übernächtigte Männer raufen sich, von mindestens 100 Zettelchen umzingelt, die Haare. Ab und an springe ich auf und renne in Kreisen durchs Zimmer und rezitiere, was mir gerade durch den Kopf geht, und Metapunk schreibt immer fleißig mit, so dass ihm ja nix Wichtiges entgeht. Aus diesen ganzen Notizen bilden wir dann in einem schwierigen Arbeitsprozess die Texte.“

Quantenphysik, Super String und Kosmogenesis: God Is A Computer

Mit dem Titel “God Is A Computer” versuchen Telemen quasi orakelartig Gott als Computer vorzustellen. Die Songtexte bekunden ein intensives Interesse an abstrakten philosophischen Themen. Mit Superteleskopen wie dem Hubble hat die Wissenschaft aufgedeckt, dass sich das All ewig ausbreiten wird. Um Erkenntnisse wie diese ranken sich diverse hoch interessante Theorien. Da ist etwa die Quantenphysik, die besagt, dass alles in allem mit allem miteinander verbunden ist. Der sogenannte Super String wiederum ist ein Modell für die Suche nach der Weltformel, einem universellen Erklärungsmodell. „Wir haben dieser Theorie den Song ’Super String’ gewidmet. Und auch bei ’In All Nothing’ der aktuellen Single handelt es sich im Grunde um eine philosophische Skizze über die Kosmogenesis, also um das Entstehen von einem Etwas in ein Nichts hinein. Bei ’Megalomanic’ beschäftigen wir uns mit dem Größenwahn, dem brennenden Wunsch, etwas ganz Bestimmtes zu tun und keine Alternative zu haben, absolutes Selbstvertrauen, Urvertrauen in die Welt. Nur mit Größenwahn kannst du das ganz große Ding erreichen, und hier spannt sich der Bogen wieder zu meinen Kinderträumen von einst: Mein früher Wunsch einmal etwas Großes zu erreichen und etwas darzustellen. Ich war nie nur der verrückte Kreative, sondern immer auch ein klar kalkulierender, rational Denkender. Ich war fest davon überzeugt, einmal als Geschäftsmann erfolgreich zu sein. Erfolgreiche Persönlichkeiten haben mich eben schon immer fasziniert. Ich habe ein Buch über Donald Trump gelesen, der schon mit 20 seine ersten Millionen verdiente. Er hatte eine clevere Geschäftsidee und hat diese umgesetzt. Ich finde es toll wenn jemand den Mut hat etwas ohne wenn und aber durchzuziehen und keine Grenzen spürt, sich nicht beirren lässt. Menschen mit Durchsetzungskraft, Ausstrahlung und Präsenz, Menschen wie etwa auch Mohammed Ali, der einst sagte ’I must be the greatest’ und dann mit 22 Weltmeister im Schwergewicht wurde.“

Telemen live meistert Danyell alleine, ohne die Zwillinge, die sich mehr im Hintergrund halten.„Ich bin ein extrovertierter Typ und fühle mich auf der Bühne sauwohl: um so mehr Leute ich vor mir habe, um so besser! Ich singe und bediene mein Equipment, wahlweise ist noch ein DJ dabei, der ein wenig scratcht und ein Live-Schlagzeuger, der im Sommer mit auf die Festival-Tour kommen soll. Außerdem möchte ich gerne Video-Projektionen in meine Auftritte integrieren. Die Leute sollen etwas Besonderes erleben - der Live-Act als Gesamtkunstwerk ? das ist mein Ziel!“

Danyell engagiert sich in einer Initiative gegen Musikpiraterie. Die Menschen müssen endlich einsehen, dass Musik-Diebstahl nicht o.k. ist. Schließlich profitieren alle von einem fairen Musik-Business,“ ereifert er sich. Danyell wünscht sich, dass die Leute wieder in die Plattenläden gehen und bereit sind für Musik zu zahlen. Diejenigen, die lieber im Internet shoppen, können ab April bei Megaphones vorbeisurfen. Das virtuelle Warenhaus, das Danyell mit zwei Partnern gegründet hat, bietet DJ Equipment und klassisches Merchandising, außerdem gehören Label, Booking-Agentur dazu. „Für die Merchandise-Produkte haben wir bereits einige vielversprechende Kooperationen mit Berliner Mode-Designern abgeschlossen. Bei uns soll es besondere, aber doch auch preiswerte Lifestyle-Produkte geben.“

Und immer noch hat Danyell viele Träume und viele Leidenschaften. Er ist in seiner ersten Saison als Stockcar-Fahrer unterwegs und hat sich mit einem Freund ein crashtaugliches Auto zusammen montiert. Es ist ein gefährlicher, rasanter Sport und wahrscheinlich gerade deswegen für Danyell, in dessen Seele immer noch der kleine Junge von einst wohnt, so interessant. Er ist sich sicher, eines Tages gemeinsam mit seiner Mutter ein kleines, französisches Gourmet-Restaurant zu eröffnen. Bis es soweit ist, kümmert er sich um die Musik. Erst einmal geht er mit Telemen auf große Tour, dann erscheint sein Danyell Solo-Album bei Low Spirit.

 

 

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